Quantenschaum

Details

Quantenschaum − Prolog

Im Jahr 2005 hat die bremer shakespeare company mit zahlreichen Kooperationspartnern und Unterstützern die Veranstaltungsreihe Quantenschaum und den Circus Quantenschaum ins Leben gerufen. Inspiriert und animiert durch die Initiativen zur Kulturhauptstadt und Bremen_Bremerhaven Stadt der Wissenschaften, haben sich Künstler und Wissenschaftler zusammengefunden, um in einer Veranstaltungsreihe nach gemeinsamen Quellen für Forschung, Erkenntnis und Kreation zu suchen. Diese Abende waren von einem erfrischenden, unterhaltsamen, zum Mitdenken einladenden Esprit gekennzeichnet, der im Publikum und auf der Bühne großen Zuspruch gefunden hat. Hier haben sich u.a. die Disziplinen Quantenphysik und Komposition, Mathematik und Musik, Physik und Schauspiel, Biologie und bildende Kunst, Chemie und Literatur in optimistischer Neugier getroffen. Der Atomphysiker Hans-Peter Dürr, der Chaosforscher Heinz-Otto Peitgen, der Physiker Peter Richter, der Kunsthistoriker Peter Rautmann um nur einige zu nennen, sowie Musiker der Kammerphilharmonie Bremen, Schauspieler der bremer shakespeare company und Tänzerinnen des Tanzwerk Bremen haben sich an diesem erfolgreichen Experiment beteiligt. Die Uraufführung von "Circus Quantenschaum − Reise ins Ungewusste" hat mit Artisten, Musikern und Schauspielern eine poetische Form für diese Kontexte entwickelt.
Quantenschaum dient als Plattform für die Begegnung von Wissenschaft und Kunst, die Annäherung und das Ausprobieren schafft den Spielraum für eine Transformation, die nicht unter dem Erfolgsdruck der jeweiligen Disziplin steht. Sie schafft viel mehr den Raum für ein motiviertes, ausdauerndes Kreisen um die Formen und Formulierungen, das jeweils Vorhandene in komplexer Form wird mit dem Neuen/Fremden unmittelbar verbunden.
Quantenschaum widmet sich der Abstraktion und grenzt sich nicht ab, sondern nimmt auf und verwandelt und versteht die daraus entstehende künstlerische Produktion als Paradox: etwas so schön, so furchtbar, so komplex, so einfach zu behaupten, wie es dann doch (nicht) ist.

Quantenschaum 007 nimmt die Veranstaltungsreihe wieder auf und stellt sie in den Kontext von Muster und Ähnlichkeiten: "das wohltemperierte System".

Quantenschaum 007 − März 07 Kassensturz

mit Rudolf Hickel (Ökonom), Nora Somaini (Regisseurin), Peter Lüchinger/Markus Seuß (Schauspieler)

"Fast alle wichtigen Parteien, die meisten Wirtschaftswissenschaftler, Unternehmen und Verbände, der Großteil der Medien − sie alle stimmen in den großen Gesang ein, der da heißt: Verzichtet, so wird euch gegeben; die Letzten werden die Ersten sein. In der Ära Schmidt wurde das Libretto geschrieben, in der Ära Kohl war Uraufführung, In der Ära Schröder wurde das Stück mit wagnerianischer Wucht neu inszeniert, und Frau Merkels große Koalition werkelt gerade an der Fassung für die neue Spielzeit. Man sollte das Stück endlich absetzen. Es wird Zeit für eine Wirtschaftswende." Rudolf Hickel

Sowohl auf der lokalen wie auch auf der globalen Ebene wetteifern Strukturen fortwährend miteinander um das Privileg, aufgebaut zu werden und erfolgreich zu sein. Die Chance eines Gebildes, seine Konkurrenten aus dem Felde zu schlagen, hängt von seiner Kraft ab, für die wiederum zwei Aspekte wichtig sind: ein kontextunabhängiger und ein kontextabhängiger. Aus dem Durcheinander der vielen, vielen kleinen Entscheidungen darüber, welche Gebilde neu gebaut, welche intakt gelassen werden und welche zertrümmert werden sollen, entsteht eine eigene Perspektive. Und was machen die Theaterleute daraus? Mit welchem "System" nähern sie sich ihren Fragestellungen.

Quantenschaum 007 − März 07 Gesundheitssysteme

Chinesische Medizin, Homöopathie, Giftmischer und Wissenschaftler − eine diagnostische Kosmologie. Die unterschiedlichen Blicke auf Krankheiten, auf Schwächen im System. Die unterschiedlichen Blicke auf Gesundheiten und Stärken im System. Mit Medizinern, bildenden Künstlern und Akrobaten.

Quantenschaum 007 − April 07 Der goldene Schnitt

Der Goldene Schnitt (lat. sectio aurea) ist das Verhältnis zweier Zahlen von ungefähr 1:1,618. In der Kunst und Architektur wird der goldene Schnitt oft als ideale Proportion verschiedener Längen zueinander angesehen. Er gilt als Inbegriff von Ästhetik und Harmonie. Darüber hinaus tritt das Verhältnis des Goldenen Schnitts auch in der Natur in Erscheinung und zeichnet sich durch eine Reihe interessanter mathematischer Eigenschaften aus. Weitere verwendete Bezeichnungen sind stetige Teilung und göttliche Teilung. Der Bremer Physiker Peter Richter, der Bremer Architekt NN und Musiker NN.

Quantenschaum 007 − April 07 Ensemblespiel

Der Bremer Chaosforscher Heinz-Otto Peitgen im Dialog mit dem Werder Bremen Mediendirektor Tino Polster und Mitgliedern der bremer shakespeare company sowie der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Sie wollen herausfinden, was für eine Qualität und welche "Wirkse" zusammenspielen müssen, damit ein gelingendes herausragendes Ereignis entsteht. Das ganze soll neben aller Ernsthaftigkeit auch unterhaltsam sein, die Musiker werden ihre Instrumente klingen lassen, Theaterfiguren könnten eingreifen und für Ball, Schuss und Tor wird ebenfalls Gelegenheit bestehen.

Rudolf Hickel >Kassensturz. Sieben Gründe für eine andere Wirtschaftspolitik<

Inhalt

Die Löhne: zu hoch, die Steuern: vertreiben das Kapital, die Arbeitnehmer: zu faul und verwöhnt, das soziale Netz: viel zu teuer, der Staat: zu fett. Jahrein, jahraus beklagen und beschwören Wirtschaftsführer und Politiker den Untergang des >Standorts Deutschland<. Und alle sind schuld, nur nicht die Wirtschaft. Die Eliten des Landes in Politik, Wirtschaft und Medien werden ihrer Verantwortung nicht mehr gerecht, sie produzieren längst die Krise, die sie angeblich bekämpfen. So, dass jetzt wirklich Reformen nötig sind − Reformen der Reformen. Zum Wahljahr 2006 beleuchtet Rudolf Hickel in seiner faktenreichen Analyse die Folgen von fast drei Jahrzehnten neoliberaler Politik und zieht die kritische Bilanz von sieben Jahren rot-grüner Reformpolitik. Darüber hinaus macht er konkrete Vorschläge für Wege aus der Reform-Falle.

Der Professor trägt Marx auf der Zunge

"Gute Wirtschaftspolitik ist links." Es gibt nicht viele Ökonomie-Professoren in Deutschland, die diese Ansicht vertreten. Rudolf Hickel ist einer von ihnen.

WAZ: Herr Hickel, würden Sie sich als linken Wirtschaftswissenschaftler bezeichnen?

Hickel: Ich nehme die Titulierung gerne an, weil ich mich energisch für die Grundprinzipien der sozialen Marktwirtschaft als gebändigtem Kapitalismus einsetze. Und da gilt man heutzutage sehr schnell als links.

WAZ: Es gibt keine rechte und linke Wirtschaftspolitik mehr, sondern nur noch gute oder schlechte − von dieser These halten Sie also nichts?

Hickel: Natürlich gibt es linke Wirtschaftspolitik, und es gibt auch gute oder schlechte. Schlechte Wirtschaftspolitik ist neoliberal, gute ist links.

WAZ: Was ist links?

Hickel: Linke Wirtschaftspolitik verlässt sich nicht allein auf die Gesetze des Marktes, denn die sind zutiefst unsozial. Unternehmen werden durch den Markt zu möglichst hohen Profitraten gezwungen.
Umweltschutz, die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und soziale Gerechtigkeit liegen nicht in der Logik des kapitalistischen Systems. Deshalb bedarf es politischer Regulierungen.

WAZ: Und neoliberal ist?

Hickel: Der Neoliberalismus versucht, das Marktversagen mit noch mehr Markt zu bekämpfen. Aber das ist die falsche Therapie.

WAZ: Unternehmen wir doch einmal den Test an Beispielen. Ist Subventionsabbau links?

Hickel: Ja, wenn er der Rücknahme von unnützen Steuergeschenken dient und sozial gerecht gestaltet wird.

WAZ: Lohnerhöhungen?

Hickel: Ein Lohnausgleich für die Inflation und Produktivitätssteigerungen ist eigentlich selbstverständlich. Alles darüber hinaus, also die Umverteilung zugunsten des Lohnanteils, ist links.

WAZ: Und Arbeitszeitverkürzung?

Hickel: Ist eine einsame linke Forderung, die eigentlich in alle Parteiprogramme gehört.

WAZ: Steuererhöhungen?

Hickel: Sind weder links noch rechts. Es kommt darauf an, was damit finanziert wird.

WAZ: Staatliche Investitionsprogramme?

Hickel: Sind links und absolut notwendig.

WAZ: Welche Partei vertritt noch linke Interessen?

Hickel: Lange Zeit waren sie noch stark verankert in der SPD. Das hat sich in der Regierungszeit stark verändert. Bundeskanzler Schröder hat weder eine linke noch eine gute Wirtschaftspolitik gemacht. Die widerliche Diffamierungskampagne gegen Oskar Lafontaine offenbart, dass die neue Linkspartei Themen besetzt, die eigentlich bei der SPD verankert sein sollten.

WAZ: Schröder tritt als Reform-Kanzler an. Sind Reformen nicht gerade ein ausgewiesen linker Politikansatz?

Hickel: Das ist schon richtig. Aber Schröders Politik verdient den Namen Reform nicht. Er betreibt eine Gegen−Reform: Stärkung der Herrschaft der Märkte statt sozial−ökologische Gestaltung.

WAZ: Und die Grünen?

Hickel: Die sind, seit sie regieren, völlig abgerückt von ihren guten alten sowie ebenso modernen Positionen. Sie leiden unter einer neoliberalen Staatsphobie. Da hat auch die Umweltpolitik kaum noch Platz. Bei den Grünen ist eigentlich nichts mehr links.

WAZ: Was sind die Gründe für den Abschied von linken Positionen?

Hickel: Die anhaltend hohe Massenarbeitslosigkeit spielt eine Rolle. Es gibt die Hoffnung, dass die Märkte das Problem am besten lösen können. Eine linke Politik, die dies als Illusion entlarvt, ist komplizierter als blanker Neoliberalismus.

WAZ: Wie viel Marx spricht aus Rudolf Hickel?

Hickel: Mein Linkssein definiert sich aus zwei Quellen − zum einen aus Karl Marx, dessen Thesen über das Spekulationskapital wieder an Bedeutung gewinnen angesichts des wachsenden Einflusses von internationalen Finanzinvestoren. Die zweite Quelle ist der Ökonom John Maynard Keynes. Denn er hat unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts darauf hingewiesen, dass Kapitalismus immer wieder zu Fehlentwicklungen führt − zum Beispiel Arbeitslosigkeit. Diese Probleme müssen über politische Gestaltung gelöst werden. Es ist wahr: Ich habe Marx auf der Zunge und Keynes im Herzen − und umgekehrt.

(Das Interview führte Ulf Meinke)

Zur Person: Rudolf Hickel
Eine "neoliberale Marktidylle" blendet die Fehlentwicklungen des Kapitalismus aus − meint Professor Rudolf Hickel, der Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW) der Universität Bremen. Der 63−jährige Diplom−Volkswirt hat sich auch als engagierter Redner in Talkshows einen Namen gemacht.